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Interview mit Julia Wiesermann – Managing Director bei BCG Platinion

Technologie trifft Healthcare: Wie Julia Wiesermann bei BCG Platinion die Digitalisierung der Gesundheitsbranche vorantreibt.

June 17, 2026

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Julia Wiesermann ist Managing Director und Practice Area Lead für Technology & Digital Advantage im Healthcare-Bereich (Region Europe, Middle East and South America) bei BCG Platinion. Julia ist außerdem Teil unserer Geschäftsführung und ist Teil des Global BCG Platinion People Chair. Im Interview mit ITgirls gibt sie Einblicke, warum Healthcare der ultimative Purpose ist, wie sie über Umwege in die Tech-Strategie-Beratung kam und was sie jungen Frauen mit auf den Weg geben möchte.

Das ITgirl im Profil

Name: Julia Wiesermann
Position: Managing Director & Practice Area Lead Technology & Digital Advantage, Healthcare EMESA Region
Unternehmen: BCG Platinion

Julia, du leitest die Healthcare Practice Area bei BCG Platinion. Was kann man sich darunter vorstellen?

Healthcare ist ein riesiges Feld. Darunter fällt alles, was Life Sciences ist: Pharmaunternehmen, Medizintechnik, Krankenhäuser, aber auch Gesundheitssysteme und philanthropische Organisationen, die sich für Gesundheit weltweit einsetzen. Das reicht von der pharmazeutischen Industrie bis hin zu der Frage, wie wir Gesundheitslösungen auch in weniger entwickelte Länder bringen können.

Wenn ich in mein aktuelles Projektportfolio schaue, entwickeln wir zum Beispiel Zielarchitekturen, um klinische Studien effizienter zu machen. Im Research- und Development-Bereich der Pharmaindustrie dauert Forschung und Entwicklung bis zu zehn Jahre. Das liegt auch daran, dass klinische Studien in den verschiedenen Phasen extrem langwierig und oft noch sehr papierlastig sind. Wenn wir durch bessere Automatisierung und intelligentere Arbeitsweisen ein paar Monate oder sogar Jahre rausholen können, dann bringt das Medikamente schneller zu Patient_innen. Da zählt wirklich jede Woche.

Daneben machen wir auch Tech Due Diligences bei Akquisitionen, entwickeln digitale Betriebsmodelle und begleiten Medizintechnikunternehmen bei ihrer Transformation. Medizintechnik wird heute immer softwarelastiger. Unternehmen, die früher Dialysemaschinen für Krankenhäuser gebaut haben, sind heute im Grunde Softwareentwickler_innen. Die Frage ist dann: Wie schaffe ich es, dass ein produzierendes Unternehmen plötzlich Software-Provider wird und auch die passenden Talente findet?

Was unterscheidet den Healthcare-Bereich von anderen Branchen?

Der Purpose. Es ist absolut purpose-driven. Ich arbeite daran, mehr Gesundheit in die Welt zu bringen und Menschen ein gesünderes, längeres und glücklicheres Leben zu ermöglichen. Das gibt mir richtig Gänsehaut. Für mich ist das der ultimative Purpose.

Healthcare ist ja auch sehr stark reguliert. Welche Technologietrends nutzt ihr aktuell?

Alles rund um Daten. Klinische Daten für Unternehmen nutzbar und verfügbar machen, Datenplattformen bauen, die gleichzeitig höchste Anforderungen an Datenschutz und Anonymisierung erfüllen. Dann natürlich KI: Vor ein paar Jahren musste man noch mühsam über manuelles Data Cleansing sprechen. Heute nutzen wir völlig andere Methoden. Es gibt inzwischen auch Large Language Models (LLMs), die speziell für die Gesundheitsbranche entwickelt wurden.

Grundsätzlich versuchen wir, alle Trends, die gerade in der Tech-Branche existieren, im Rahmen der regulatorischen Möglichkeiten zu nutzen. Und da muss man ehrlich sagen: Regulatorik wird oft auch als Totschlagargument benutzt. Manchmal, weil man sich nicht genau genug auskennt und im Zweifelsfall lieber vorsichtig ist. Da muss man sehr genau hinschauen, was wirklich nötig ist und was nicht.

Spielen IT-Risiken wie Cyber Security oder auch Halluzinationen von LLMs eine große Rolle?

Absolut. Wir haben Kolleg_innen, die sich damit auseinandersetzen. Und das Spannende ist: Man wird bei uns auch by doing zur Expert_in. Gerade Themen wie Halluzinationseffekte von LLMs haben bisher noch die wenigsten im Studium gelernt.

IT-Security-Expertise ist natürlich die Grundlage, besonders wenn man in Unternehmensarchitekturen und Operating Models unterwegs ist. Jede Innovation, die gestaltet wird, muss ihren Weg in die Unternehmensrealität finden. Da ist Security das A und O.

Wie bist du eigentlich in den Healthcare-Bereich gekommen?

Überhaupt nicht geplant! In meiner Familie gab es zwar einige Ärzt_innen, und meine Mutter und meine Tante waren beide lange in der Pharmaindustrie. Aber das war nie mein Plan.

Nach dem Bachelor in Betriebswirtschaftslehre bin ich dann auf Wirtschaftsinformatik und Wirtschaftsmathematik umgestiegen, auf Empfehlung meiner Professoren. Danach ging es in die Finanzindustrie, die damals das große Ding war. Dort habe ich immer die IT-Themen übernommen und durfte auch Mergers & Acquisitions von der technologischen Seite begleiten. Das hat mir Spaß gemacht.

Nach meinem MBA-Studium bin ich in die Beratung gewechselt und im Jahr 2019 zu BCG Platinion. Dort habe ich angefangen, den Healthcare-Bereich mit aufzubauen. Spätestens in der Pandemie hat das Thema dann extrem Fahrt aufgenommen, weil verstanden wurde, wie viel einzelne Monate ausmachen und wie schnell man sein muss. Seitdem kommen jeden Monat neue Themen dazu. Es fühlt sich an wie ein Start-up im Unternehmen.

Welche Skills helfen, um in den Healthcare-IT-Bereich einzusteigen?

Vor allem diese Eigenschaften sind aus meiner Sicht wichtig für den Einstieg:

  • Neugier und echte Offenheit: ein grundsätzliches Interesse daran, eine Industrie wirklich verstehen zu wollen
  • Interesse an Menschen und ein inklusives Mindset, also die Bereitschaft, sich auf ganz unterschiedliche Typen und Perspektiven einzulassen
  • Die Fähigkeit, aus der eigenen Bubble rauszukommen und sich auf verschiedene Charaktere einzulassen, denn in der Beratung arbeitet man automatisch mit den unterschiedlichsten Menschen zusammen

Ich sage das bewusst, weil ich glaube, dass Fachlichkeit etwas ist, was man über die Zeit lernt und immer besser wird. Aber die Grundlagen sind das Allerwichtigste. Beratung ist ein People-Business. Wir haben kein physisches Produkt. Unser Produkt sind wir selbst, mit unserem Beratungsansatz. Und natürlich braucht es Lust, sich mit Technologie und Trends auseinanderzusetzen.

Wie findet ihr im Recruiting heraus, ob jemand diese Offenheit mitbringt?

Genauso wie im Privaten. Wenn du dich mit jemandem ins Café setzt, merkst du schnell: Hat die Person echtes Interesse? Hat sie was zu sagen? Kann sie eine Meinung so transportieren, dass es nicht offensiv wird, auch wenn man anderer Meinung ist? Kann jemand ein gutes Gespräch führen?

Das klingt wahnsinnig simpel, aber genau darum geht es. Dieselben Prinzipien, die im persönlichen Umgang gelten, gelten bei uns genauso.

Was würdest du jungen Mädchen und Frauen raten, die sich für IT interessieren, aber noch unsicher sind?

Ich habe selbst immer wahnsinnig gehadert. Kann ich das? Können die anderen nicht alle viel mehr? Klassisches Impostor-Syndrom. Ein paar Learnings, die ich mitgeben kann:

Have fun storming the castle. Das war schon immer mein Motto. Es muss Spaß machen. Wenn sich der ganze Tag wie Qual anfühlt, ist es das nicht wert. Dein Leben ist die Summe deiner Tage. Schau, dass du Freude daran hast.

Such dir was, das eine halbe Nummer zu groß ist. Ich vergleiche das immer mit Schuhen. Ein Schuh, der eine halbe Nummer zu groß ist: Du kannst dich gut darin bewegen, schlappst aber nicht raus und kannst noch reinwachsen. Genauso ist es bei Jobs und Herausforderungen. Ein bisschen Stretch darf dabei sein, aber wenn es too much ist, ist es auch schwierig.

Life is lived forwards and understood backwards. Viele Sachen ergeben erst im Nachhinein Sinn, weil man einen Schritt nach dem anderen gegangen ist. Lass dich nicht einschüchtern von den tollen Geschichten anderer. Jeder Schritt muss sich für dich gut anfühlen. Hör auf dein Bauchgefühl und optimiere nicht kurzfristig.

Wenn du abends gut schlafen kannst und dich gut im Spiegel anschauen kannst, dann ist das mehr wert als vieles andere im Leben.

Gibt es ein Projekt, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Rollen, in denen ich selbst Interimsleitung übernommen und eine Transformation vorangetrieben habe, haben mir immer extrem Spaß gemacht. Während der Pandemie haben wir ein Unternehmen, das kritisch für die gesellschaftliche Versorgung war, komplett technologisch skaliert und aufgebaut, weil es gar nicht dafür ausgerichtet war, diese Last zu tragen. Das war wirklich eine Operation am offenen Herzen.

Aber was hängen bleibt, sind immer die Leute. Die Themen können noch so spannend sein, wenn du mit Menschen arbeitest, auf die du keine Lust hast, ist das Ganze nichts wert. Und auf der anderen Seite: Wenn du eine Durstphase hast, aber sie mit guten Leuten teilen kannst, dann schaffst du auch die größten Herausforderungen.

Neugierig geworden? Mehr Inspiration findest du im ITgirls Podcast, wo Frauen aus IT, Tech, Data und Consulting von ihren Karrierewegen erzählen. Dort findest du auch eine Folge mit einer IT-Consultant von BCG Platinion. Weitere Informationen zu BCG Platinion z.B. zum Female Talent Mentoring Programm findest du hier.

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